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KI-News
KI-Einordnung: Modelle, Markt, Meldungen2026-10-27· Von Franz Senn

Anthropic vor dem Börsengang: was der Prospekt wirklich hergibt

Am 26. Oktober 2026 hat Anthropic sein Börsenzulassungsverfahren bei der US-Wertpapieraufsicht SEC eröffnet. Der Prospekt trägt das Formular S-1, ist 14,2 MB groß, ist für die Nasdaq mit dem Kürzel ANT vorgesehen und stammt von einer Public Benefit Corporation in Delaware. Ein Zulassungsantrag ist keine Pressemitteilung: Er muss unter Eid geschrieben sein und Zahlen enthalten, die eine Anwaltskanzlei und Wirtschaftsprüfer gegengezeichnet haben. Genau das macht das Dokument brauchbar für alle, die KI-Anbieter einkaufen oder selbst betreiben, es ist die erste belastbare Finanzstatistik eines Frontier-Labs. Wir haben die Tabellen im Volltext selbst gelesen und nachgerechnet, Stand 27. Oktober 2026. Ein Lesezugriff auf die Rohdaten genügt dafür, jede Zahl unten trägt ihre Herkunft.

Anthropic ist ein KI-Unternehmen, das Frontier-Modelle der Claude-Reihe baut und sie überwiegend über die drei großen Wolkenanbieter verkauft: Amazon Web Services, Google Cloud und Microsoft Azure. Abgerechnet wird nach Verbrauch, also nach verarbeiteten Token, dazu kommen zugesagte Abnahmemengen. Der Prospekt nennt das verbrauchs-basierte Abrechnung, und daraus erklärt sich beides. Warum die Umsätze in diesem Geschäft so schnell laufen können, und warum die Rechenleistung auf der Kostenseite genauso schnell mitläuft.

Markenzeichen von Anthropic Claude
Anthropic ist eine Public Benefit Corporation in Delaware, das Kürzel für die Nasdaq steht im Prospekt: ANT. (Quelle: Anthropic / Wikimedia, gemeinfrei)

Die Umsatzkurve

Kennzahl202320242025H1 2025H1 2026
Umsatz in Mio. Dollar413864.5851.16316.286
Operativer Verlust in Mio. Dollar-551-2.980-8.060-2.135-693
Angepasster operativer Gewinn in Mio. Dollar-522-2.788-4.854-1.8491.618
Reingewinn oder -verlust in Mio. Dollar-1.531-8.309-41.965-12.969-80.748

Gelesen aus den Vergleichstabellen des S-1, Formblatt der SEC, eingereicht am 26.10.2026, übertragene Tabelle von uns am 27.10.2026.

Der Sprung, über den die Berichterstattung läuft, steht also in der Tabelle: von 1.163 auf 16.286 Millionen Dollar in einem Jahr, das 14-fache. Nach Quartalen noch steiler: Das zweite Quartal 2026 allein bringt 11.555 Millionen Dollar, nach 4.731 Millionen im ersten Quartal. Addiert man die beiden Quartale, kommt die Halbjahressumme heraus, die Tabelle trägt.

Ausgewiesener Umsatz in Mrd. DollarJahr 20230.041 · 41 Mio.Jahr 20240.386 · 386 Mio.Jahr 20254.6 · 4,6 Mrd.1. Halbjahr 202616.3 · 16,3 Mrd.018
Das erste Halbjahr 2026 liegt über dem Dreifachen des ganzen Vorjahres. Auf Gesamtjahresraten stellt der Prospekt nichts um, die Achse bleibt gemischte Zeiträume. (Quelle: Anthropic S-1 vom 26.10.2026)

Zur Marge gehört der Hinweis, dass Anthropic im Prospekt gar keine Bruttomarge mehr ausweist. Die Aufwendungen sind nach Art gegliedert statt nach Funktion, eine Bruttomarge lässt sich daraus nicht sauber bilden. „Marge" kann hier nur operative Marge heißen, und die springt nicht um einen Faktor, sie dreht ihr Vorzeichen: von minus 184 Prozent im ersten Halbjahr 2025 auf minus 4 Prozent im ersten Halbjahr 2026. In der eigenen Nicht-US-Standard-Rechnung wird aus minus 159 Prozent plus 10 Prozent im Halbjahr, und im zweiten Quartal 2026 stehen dort 19 Prozent bei 2.235 Millionen Dollar angepasstem operativem Gewinn. Die Quartalsrechnung dreht also ein Vierteljahr vor dem Halbjahr ins Positive.

Operativer Verlust in Mrd. Dollar, ganze JahreJahr 20230.551 · 0,55Jahr 20242.98 · 2,98Jahr 20258.06 · 8,0609
Der operative Verlust wächst mit dem Umsatz mit, nur langsamer. Die Halbjahreswerte stehen in der Tabelle oben, auf derselben Achse würden sie neben den Jahreswerten untergehen. (Quelle: Anthropic S-1 vom 26.10.2026)

Der Verlust und was wirklich darin steckt

80,7 Milliarden Dollar Nettoverlust in sechs Monaten, bei 16,3 Milliarden Umsatz, das ist erst mal ein Schockwert. Die Zusammensetzung löst ihn auf: Die Position „Veränderung des beizulegenden Zeitwerts von Wandelanleihen, Derivaten und SAFE" schlägt allein mit 72,388 Milliarden Dollar zu Buche, dazu kommen 8,757 Milliarden sonstiger Aufwand. Beides sind Bewertungsgrößen aus den Finanzierungsrunden, keine Abflüsse von der Bank. Der operative Verlust derselben sechs Monate beträgt 693 Millionen Dollar, und im zweiten Quartal 2026 steht unterm Strich schon ein operativer Überschuss: 974 Millionen Dollar bei 11.555 Millionen Umsatz. Nach US-Standard bleibt das Quartal trotzdem ein Verlustviertel, 66,3 Milliarden, fast ganz aus der Bewertung der Wandelanleihen.

Anthropic selbst rechnet in nicht-US-Standard-Kennzahlen und legt die Brücken im Prospekt offen. Angepasster operativer Gewinn heißt dort: operativer Verlust ohne aktienbasierte Vergütung, ohne nicht geflossene wohltätige Zuwendungen und ohne eine Vergleichszahlung aus einer Urheberrechtsklage. Der angepasste Reingewinn klammert zusätzlich die Bewertungsänderungen der Finanzierungsinstrumente ein. Diese Definitionen stehen im Glossar des Dokuments, wir haben sie dort abgeschrieben statt erfunden.

Nettoverlust 1. Halbjahr 2026 in Mrd. Dollar, woraus er sich zusammensetztBewertungsaufwand Wandelanleihen, Derivate, SAFE72.388 · 72,388 Mrd., nicht zahlungswirksamsonstiger Aufwand unterm Strich8.757 · 8,757 Mrd.operativer Verlust (Referenz)0.693 · 0,693 Mrd.080
Die Summe der Posten übersteigt den ausgewiesenen Nettoverlust von 80,748 Mrd. um rund 1,1 Mrd. Der Prospekt weist Zinserträge von 1,111 Mrd. in denselben sechs Monaten aus, die in der Summe gegenrechnen. (Quelle: Anthropic S-1 vom 26.10.2026)

Wovon das Geschäft abhängt

Der Prospekt ist ehrlicher mit seinen Abhängigkeiten als jede Marketingseite eines KI-Anbieters, weil er muss. Drei Punkte daraus sind für den Einkauf relevant.

Direktanteil und Marktplatzanteil am Umsatz in ProzentJahr 202389 · 11 % über MarktplätzeJahr 202468 · 32 % über Marktplätze1. Halbjahr 202652 · 48 % über Marktplätze0100
Gezeigt ist der Anteil, der nicht über die Marktplätze der Cloud-Anbieter läuft. Der Rest läuft darüber, die Gegenprobe steht im Text. (Quelle: Anthropic S-1 vom 26.10.2026 (Anteile) + Reuters-Berichterstattung zur Einordnung)

Erstens läuft ein wachsender Teil des Umsatzes über Marktplätze der Cloud-Anbieter: 48 Prozent im ersten Halbjahr 2026, nach 32 Prozent im Geschäftsjahr 2024 und 11 Prozent 2023. Wer Anthropic über AWS oder Google Cloud bezieht, sitzt in derselben Abhängigkeitskette wie der Hersteller selbst, inklusive dessen offener Forderungen an die Anbieter.

Zweitens die Rechenleistung: Compute und Infrastruktur sind mit 8.945 Millionen Dollar der größte Kostenblock im ersten Halbjahr 2026, das sind 55 Prozent vom Umsatz, nach 201 Prozent im ersten Halbjahr 2025. anteilig wird das Geschäft also leichter, absolut bleibt es eine Rechnung, die von Zukaufspreisen für Beschleuniger-Hardware und von deren Auslastung abhängt. Im Prospekt stehen Lieferzusagen für AMDs kommende MI450-Generation im Verbund mit dem AMD Helios, dazu Betrieb auf mehreren Chips: AWS Trainium, Google TPU, NVIDIA- und AMD-Beschleuniger. Wer Modelldienste einkauft, sollte wissen, dass deren Preise die Preismacht derselben zwei Hardware-Anbieter tragen, die auch unsere eigenen Systeme bestimmen. Wer die Modelle statt der Preisliste im Haus haben will, für den ist Corporate LLM im Eigenbetrieb die Seite mit unseren Setups.

Drittens die Abnahmeverpflichtungen. Die Summe der unverfallbaren vertraglichen Verpflichtungen steigt von rund 54,6 Milliarden Dollar zum Jahresende 2025 auf rund 265,6 Milliarden Dollar zum 30. Juni 2026, mit Laufzeiten bis zu 20 Jahren. Nach dem letzten Bilanzstichtag kommen weitere Zusagen dazu, für die der Prospekt „rund 417 Milliarden Dollar" an Mindestzahlungen ansetzt, plus einen geschätzten Betrag von 125 bis 150 Milliarden Dollar für noch nicht ausgehandelte Konditionen. Diese Fenster sind unterschiedliche Zeiträume, wer sie addiert, rechnet falsch. Wir haben beide Beträge einzeln zitiert, statt eine erfundene Gesamtsumme zu bauen.

Unverfallbare vertragliche Verpflichtungen in Mrd. DollarJahresende 202554.6 · 54,630.06.2026265.6 · 265,60300
Zwei Stichtage, eine Größenordnung. Nicht enthalten sind die nach dem Bilanzstichtag abgeschlossenen Zusagen über rund 417 Mrd. Dollar Mindestzahlungen, weil deren Zeiträume über die 20 Jahre der Tabelle hinausgehen. (Quelle: Anthropic S-1 vom 26.10.2026)

Was offen bleibt

Das interessanteste Feld im Prospekt sagt: nichts. Kursspanne, Zahl der angebotenen Aktien und damit jede Bewertung sind in der eingereichten Fassung leere Felder. Auch die Bezugsgröße, die ein IPO-Papier für die Bewertung üblicherweise trägt, fehlt: Anthropic definiert im Glossar eine annualisierte Umsatzrate aus den Verbrauchsgebühren der letzten 28 Tage, schreibt dann „our Run-Rate Revenue was $ as of October 31, 2026" und lässt die Zahl weg. Ein Feld, das vor der Notierung gefüllt nachgereicht werden muss. Solange es leer ist, bleibt jede Bewertungszahl in einer Schlagzeile eine Schätzung aus zweiter Hand. Eine davon, die 965 Milliarden aus der Series-H-Runde vom Mai 2026, hatten wir in Anthropics Börsenprospekt schon vor der Einreichung einzuordnen.

Für uns im Haus ist der Nutzen ein anderer als die Börsenkategorie. Der Prospekt ist ein seltener Blick hinter die Preislisten eines Modellanbieters: Er zeigt, dass dessen Margen an denselben zwei Hebeln hängen wie unsere eigene KI-Strecke, an den Beschaffungskosten für Rechenleistung und an der Auslastung. Wir fahren vier RTX 5090 mit offenen Gewichten, der Anbieter dahinter mietet Rechenzentren für Hunderte Milliarden. Die Debatte, ob sich das eine ohne das andere trägt, führen beide Seiten mit denselben Zahlen, siehe wer für den Datenzentren-Ausbau zahlt und Eigenbetrieb oder Cloud, die Rechnung.

Drei Fragen, die uns erreicht haben

Hat sich Anthropics Umsatz verfünfzehnfacht? Ja, 1.163 Millionen Dollar im ersten Halbjahr 2025 gegen 16.286 Millionen im ersten Halbjahr 2026, das sind rund 1.300 Prozent.

Ist Anthropic profitabel? Nach US-Rechnungslegung nein, der Nettoverlust im ersten Halbjahr 2026 beträgt 80,748 Milliarden Dollar. In der eigenen Rechnung mit ausgeblendeten Posten steht ein angepasster Reingewinn von 2.671 Millionen Dollar, und die operative Verlustzone ist auf 4 Prozent vom Umsatz geschrumpft.

Steht im Prospekt, was das Unternehmen wert ist? Nein. Preisspanne, Aktienzahl und Bewertung sind leere Felder in der Fassung vom 26. Oktober 2026, die Anthropic vor dem Börsengang nachreicht.

Weiterführende Quellen

Fünf Quellen, alle am 27.10.2026 selbst abgerufen, die ersten drei gegen den Volltext gegengeprüft:

Fragen?
Stimmt es, dass sich Anthropics Umsatz verfünfzehnfacht hat?+

Ja. In der Gewinn- und Verlustrechnung des Prospekts stehen 1.163 Millionen Dollar Umsatz im ersten Halbjahr 2025 und 16.286 Millionen im ersten Halbjahr 2026. Das ist das 14-fache, rund 1.300 Prozent Wachstum.

Hat Anthropic Gewinn?+

Nach US-Standard nein: unter dem Strich ein Verlust von 80.748 Millionen Dollar im ersten Halbjahr 2026. Die eigene Nicht-US-Standard-Rechnung des Prospekts weist 2.671 Millionen Dollar angepassten Reingewinn aus. Der größte Teil des Buchverlusts sind nicht geflossene 72.388 Millionen Dollar Bewertungsaufwand aus Wandelanleihen.

Was verrät der Prospekt über die Bewertung?+

Nichts. Kursspanne, Aktienzahl und Bewertung sind in der eingereichten Fassung leere Felder, die vor der Notierung nachgereicht werden. Auch eine Bezugsgröße wie eine annualisierte Umsatzrate steht im Dokument, aber ohne Zahl.