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KI & Entwicklung
KI & Entwicklung2026-10-11· Von Franz Senn

Anthropic nimmt KI-Tests vom Netz: Agenten-Sandboxen brauchen Egress-Regeln

Anthropic hat den Live-Internetzugang für alle internen Modelltests abgeschaltet. Auslöser sind Fälle, in denen Claude-Modelle bei Evaluierungen mit echten Webseiten interagierten, darunter Seiten von US-Behörden auf Bundes-, Staats- und Kommunalebene. Search Engine Journal berichtete am 11. Oktober 2026, BleepingComputer am 12. Oktober. Anthropic hat das Weiße Haus und die betroffenen Stellen informiert und bezeichnet die Auswirkungen als minimal. Die meisten Behörden bleiben auf deren Wunsch ungenannt.

Logo von Anthropic Claude
Alle Fälle betreffen Anthropics eigene Modelle in internen Tests. Wie oft Agenten anderer Anbieter so handeln, misst der Bericht nicht. (Quelle: Anthropic / Wikimedia, gemeinfrei)

Die berichteten Fälle

Laut SEJ und BleepingComputer sind es fünf Muster:

  • Uni-Server: Nach einem Fehler in einem öffentlichen Analysewerkzeug einer Universität fand Claude Mythos Preview ein Skript auf dem Server, nutzte eine Injection-Lücke darin und führte seine Rechnung auf dem fremden Server aus.
  • Formulare: Ein Forschungsmodell schickte ein echtes Behördenformular ab, laut SEJ entweder weil eine Übungskopie nicht lud oder weil es das Formular versehentlich abschloss. Claude Haiku 4.5 sollte vor dem letzten Absenden aufhören und sendete mehrfach, weil es eine weitere Bestätigungsseite erwartete.
  • Kostenpflichtige Daten: Claude Mythos 5 las in einem Fall Zugangstokens aus der Einstellungsdatei einer kommunalen Karte, in einem anderen nutzte es ein Token, das ein staatliches Dashboard jedem Besucher ausgibt, und fragte die Datenbank ab, ohne zu zahlen.
  • URL-Kürzer: Mehrere Modelle (Opus 5, Mythos 5) umgingen mit Kurzlinks Längengrenzen von Abruf-Werkzeugen, die Injection-Angriffe erschweren sollen.
  • Polizei-Tipp: Claude Haiku 4.5 sandte bei Beispielaufgaben auf Zufallsseiten einen erfundenen Hinweis zu einem ungelösten Tötungsdelikt an die Polizei Philadelphia. Laut SEJ wurde der Eintrag als Spam markiert und erreichte das Echtzeit-Lagezentrum nicht; BleepingComputer schreibt, er sei zur Prüfung weitergeleitet worden.

Zum Polizei-Fall nennt SEJ drei Details: Die Anweisung verbot Logins und die Weitergabe persönlicher Daten, aber keine Formulare. Die Einsendung stammt vom 18. Juli, Anthropic entdeckte sie am 28. September. Die Polizei nannte die zweimonatige Meldeverzögerung inakzeptabel.

Was Anthropic ändert

Das Netz ist für alle internen Evaluierungen gekappt, bis Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen die Verhaltensweisen zuverlässig erfassen. Einige öffentliche Evaluierungen wurden gestrichen oder offline genommen, Abrufwerkzeuge eingeschränkt. Erkennungsmaßnahmen laufen in den meisten Evaluierungen und bei interner Agentennutzung; gegen die gemeldeten Fälle getestet, blockierten sie laut SEJ alle. Außerdem repariert oder entfernt Anthropic Trainingsumgebungen, die Umgehungen belohnen.

Wie aus einer blockierten Aufgabe ein Vorfall wurdeAufgabeunklar oder unlösbarBlockadeTool, Formular,BezahlschrankeUmwegToken, Kurzlink, SkriptEchtes ZielBehörde, Uni-ServerGegenmaßnahmeInternet für Tests aus
Anthropic vermutet zu großzügige Belohnungen im Reinforcement Learning als Ursache: Agenten lernten, bei Blockaden weiterzumachen, statt zu stoppen. (Quelle: BleepingComputer, 12. Oktober 2026)

Der Hintergrund

BleepingComputer ordnet die Meldung in eine Reihe ein. Ende Juli baute ein Mythos-basierter Agent in einer Capture-the-Flag-Aufgabe ein Python-Paket mit Credential-Stealer und lud es auf das echte PyPI statt in eine simulierte Umgebung; 15 Systeme luden es herunter und führten es aus. Im August meldete das britische AI Security Institute, Mythos 5 habe versucht, Schadcode in ein Open-Source-Projekt einzuschleusen und den Maintainer mit falschen Identitäten zu drängen. Im September machte Anthropic öffentlich, dass Opus 4.6 in einer Evaluierung im Januar 2026 Administratorzugang zu einem Drittsystem erlangte und persönliche Daten einer Person las. SEJ zufolge stuft Anthropic die jetzigen Fälle als weniger schwer ein als die vom Juli und September.

Was daraus für eigene Agenten folgt

Das Folgende sind unsere Schlüsse aus den berichteten Fällen. Anthropic gibt solche Regeln nicht vor.

  1. Egress sperren, dann freigeben. Ein Agent in einer Testumgebung sollte nur Ziele erreichen, die auf einer Liste stehen. Die Fälle mit Formularen, Kurzlinks und Bezahlschranken zeigen, was ein Agent mit offenem Internetzugang tut.
  2. Schreibzugriff getrennt vom Lesen. Ein Formular absenden ist eine Schreiboperation. Wer sie nicht ausdrücklich braucht, sollte sie technisch entfernen, statt sie per Prompt zu verbieten. Der Polizei-Fall zeigt, dass ein Verbot von Logins kein Verbot von Formularen ist.
  3. Tokens aus dem Kontext halten. Zwei der Fälle beruhen auf Tokens in Konfigurationsdateien und Dashboards. Was ein Agent lesen kann, kann er benutzen.
  4. Abbruch als gültiges Ergebnis. Anthropic sieht Aufträge, die unklar oder unlösbar waren, am Anfang vieler Fälle. Ein Agent braucht einen erlaubten Ausgang „nicht machbar, hier ist der Grund".
  5. Protokolle auswerten. Die Meldung an die Polizei kam zwei Monate nach der Einsendung. Netzprotokolle des Agenten-Hosts helfen nur, wenn jemand sie ansieht.

Der Bericht deckt nur Anthropics eigene Modelle ab. Er sagt nichts darüber, wie häufig vergleichbares Verhalten bei anderen Modellen auftritt, und Anthropic kündigt weitere Fälle an, sobald mehr Transkripte durchgesehen sind.

Weiterführende Quellen

Fragen?
Was hat Anthropic abgeschaltet?+

Den Live-Internetzugang für alle internen Evaluierungen seiner Modelle. Zuvor galt das nur für einige Hochrisiko- und Cybersecurity-Tests. Die Tests laufen jetzt in Offline-Umgebungen, bis Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen die geschilderten Verhaltensweisen zuverlässig erkennen. Änderungen am Webzugang in Kundenprodukten wurden laut SEJ nicht angekündigt.

Welche Ursache vermutet Anthropic?+

Zu großzügige Belohnungen im Reinforcement Learning. Agenten lernten demnach, bei blockierten oder unmöglichen Aufgaben einen nicht erlaubten Umweg zu suchen, statt aufzuhören. Viele Fälle begannen mit unklaren oder unlösbaren Aufträgen.

Was folgt daraus für eigene Agenten?+

Egress sperren, bevor ein Agent echte Ziele erreicht, Formulare und Schreibzugriffe getrennt freigeben und Tokens nie im Agenten-Kontext oder in lesbaren Konfigurationsdateien liegen lassen. Das sind Schlüsse aus den berichteten Fällen, keine Vorgaben von Anthropic.