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KI-Einordnung: Modelle, Markt, Meldungen2026-11-01· Von Franz Senn

Adobe-Klone im Redaktionstest: was c't 3003 fand und was Cisco plant

Kurz gefasst: heise berichtete am 30. Oktober über einen Test, bei dem c't 3003 ein Video-Intro mit KI-gebauten Nachbauten von Premiere, After Effects und Photoshop produziert hat. Die Redaktion hält das für brauchbar und nennt auch die Lücken. Ciscos berichteter Plan, Altcode mit KI neu schreiben zu lassen, ist dagegen bisher eine Zielvorgabe ohne Ergebnis.

Wir haben im Oktober schon nachgezählt, wie schnell solche Nachbauten entstehen. Neu ist diese Woche, dass eine Fachredaktion damit ein Video produziert und Schwächen veröffentlicht hat. Das ist eine bessere Quelle als Kennzahlen zur Entwicklungszeit, und die Zahlen unten stammen aus ihrem Artikel.

Was c't 3003 gebaut hat

Laut dem heise-Artikel vom 30. Oktober hat die Redaktion ein Video-Intro mit Motion-Tracking, Masken und Effekten in FilmCraft (Ersatz für Premiere) und EffectCraft (Ersatz für After Effects) nachgebaut, in großen Teilen eins zu eins. Das Vorschaubild entstand in PhotoCraft, dem Ersatz für Photoshop. Im Artikel laufen die Programme unter dem Sammelnamen ArtCraft. Das Urteil des Autors: insgesamt extrem beeindruckend und brauchbar, PhotoCraft für kleinere Aufgaben wie Vorschaubilder schon völlig brauchbar, Premiere laufe aber noch eine Ecke geschmeidiger als FilmCraft.

Wichtig ist, was hier getestet wurde: ein Intro, kein Spielfilm, ohne Teamarbeit. Für Produktionsbetriebe sagt der Test nichts.

Die gemessenen Lücken

Der Artikel nennt konkrete Schwächen:

  • Premiere ist laut Artikel beim Rendern einer Minute 4K-Material nach H.264 auf einem MacBook M1 Max mit Hardware-Encoding grob ein Drittel schneller als FilmCraft, mit Software-Encoding doppelt so schnell.
  • EffectCraft war unter Zorin OS quasi unbenutzbar: Der Rechner fror nach ein bis zwei Minuten jedes Mal ein.
  • In FilmCraft lassen sich In- und Out-Punkte nicht mit der Maus ziehen, und Effekteinstellungen lassen sich nicht zwischen Clips kopieren.
  • In PhotoCraft gehen Masken verloren, wenn Ebenen zwischen Dokumenten kopiert werden.
  • Die GitHub-Seite von FilmCraft nennt laut heise 86 Prozent der geplanten Funktionen als umgesetzt und 56 Prozent als tauglich für richtige Arbeit (Herstellerangabe, Bezugsgröße nicht genannt).

Die letzte Zahl stammt vom Projekt selbst. Dass es überhaupt angibt, wie viel davon für echte Arbeit taugt, macht den Stand besser einschätzbar.

Der Klebstoff: kein Dynamic Link

Was Adobe-Pakete wertvoll macht, ist das Zusammenspiel der Programme. Ein Gegenstück zu Dynamic Link gibt es in den Klonen nicht. Der c't-Autor hat die Clips einzeln als ProRes 422 gerendert, FilmCraft geforkt und mit dem KI-Programmierwerkzeug Codex (nach seiner Angabe mit etwa zwei Prompts) einen EffectCraft-Knopf ergänzt, über den sich Clips direkt bearbeiten lassen.

Rechtlich offen

Der Entwickler nennt die Tools eine Clean-Room-Neuimplementierung in Rust ohne Dekompilierung; Adobe werde sich darüber wohl nicht freuen, merkt heise an. Der Rechtswissenschaftler Andres Guadamuz (Universität Sussex) sagte gegenüber Al Jazeera am 14. Oktober in einem Bericht über ArtCraft und ähnliche Nachbauten, es sei unbekannt, ob der behauptete Clean-Room-Prozess einer Prüfung standhalte. Dieser Artikel stammt von vor dem heise-Test. Eine Klage oder Stellungnahme von Adobe ist uns nicht bekannt, ein Gerichtsurteil haben wir nicht gefunden.

Clean Room heißt bei Software: Eine Gruppe beschreibt, was das Original tut, eine zweite schreibt den Nachbau allein nach dieser Beschreibung, ohne den fremden Code gesehen zu haben.

Cisco: ein berichtetes Ziel, kein Ergebnis

Fortune berichtete am 30. Oktober, dass Cisco-Präsident Jeetu Patel dem 27-jährigen Gründer und Entwickler Padmanabhan Krishnamurthy unbegrenzte KI-Token zum Umschreiben des Altcodes gegeben hat, er könne „go nuts". Genannt werden 98 Prozent des Codes in 24 Monaten. Krishnamurthy gab sich vier Wochen, um zu zeigen, dass ein Zweierteam das schaffen kann. Auch Tom's Hardware meldet es (von uns nur als Überschrift gelesen). Unbekannt sind Umfang, eingesetztes Modell, Prüfung gegen das Verhalten des alten Codes und Kosten. Eine Zielvorgabe ist keine Messung, deshalb führen wir sie als berichtete Ankündigung. Ergebnisse gibt es noch nicht.

Was der Test nicht zeigt

Ein Intro mit Tracking und Masken ist ein guter Funktionstest, aber kein Belastungstest. Offen bleiben Fragen, an denen Produktionsbetriebe hängen: Wie öffnet das Programm Projektdateien, die jemand anderes angelegt hat? Was passiert nach einem Absturz mit der halben Stunde Arbeit davor? Wie kommen Updates, und wer prüft sie? Dazu steht im Artikel nichts, und wir unterstellen keine Antwort.

Was das für uns heißt

Das ist unsere Einschätzung, keine Messung. Ein Nachbau lohnt sich dort, wo ein Fehler wenig kostet: ein Vorschaubild, ein internes Werkzeug mit zwei Nutzern. Bei Buchungen, Rechnungen und Lagerbewegungen in WinLine oder im TMS ersetzt uns kein Klon das geprüfte Original, und das Hochladen dieser Daten in gehostete Modelle bleibt ausgeschlossen. Jedes solche Werkzeug braucht eine verantwortliche Person, die die Verbindungen zu den Nachbarsystemen pflegt.

Vor dem Einsatz eines Nachbaus helfen fünf Fragen: Was kostet ein Fehler? Lassen sich Daten verlustfrei wieder herausholen? Gibt es einen Weg zurück zum Original? Wer pflegt die Schnittstellen? Und steht die Lizenz des Nachbaus ausdrücklich im Repository? Fällt eine dieser Antworten schlecht aus, bleibt das Original im Einsatz. Für einen Pilotversuch würden wir vorab drei Dinge festlegen: einen Zeitraum von zwei Wochen, eine verantwortliche Person und eine Rückfallregel, die bei der ersten Datenpanne greift. Ohne diese drei bleibt ein Test ein Eindruck, und Eindrücke sind genau das, was die Klone im Moment liefern.

Weiterführende Quellen

Fragen?
Kann ein Nachbau Adobe Premiere, After Effects und Photoshop ersetzen?+

Für kleine Projekte teilweise, so das Urteil der c't-3003-Redaktion: extrem beeindruckend und brauchbar, aber Premiere fühle sich flüssiger an. Laut heise nennt die GitHub-Seite von FilmCraft 86 Prozent der geplanten Funktionen als umgesetzt, aber nur 56 Prozent als tauglich für richtige Arbeit. Die Bezugsgröße steht nicht dabei.

Ist der Nachbau rechtlich sicher?+

Offen. Der Entwickler nennt die Tools eine Clean-Room-Neuimplementierung in Rust ohne Dekompilierung; Adobe dürfte sich darüber kaum freuen. Zu solchen KI-Nachbauten sagte ein Rechtswissenschaftler der Universität Sussex gegenüber Al Jazeera, es sei unbekannt, ob der behauptete Clean-Room-Prozess einer Prüfung standhält. Eine Reaktion von Adobe ist uns nicht bekannt.

Schreibt Cisco seinen Code mit KI neu?+

Es gibt ein berichtetes Ziel, kein Ergebnis. Laut einem Fortune-Bericht vom 30. Oktober soll ein 27-jähriger Entwickler binnen 24 Monaten 98 Prozent des Altcodes umschreiben, mit unbegrenzten Token. Umfang, Modell, Prüfverfahren und Kosten sind unbekannt.