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KI & Entwicklung
KI & Entwicklung2026-10-14· Von Franz Senn

Cloudroom nachgemessen: ein offener Kern, ein Autor, vier Wochen Bauzeit

Am 14.10.2026 hat David Ondrej auf seinem YouTube-Kanal mit über 400.000 Abonnenten ein sechzig Minuten langes Video gestellt: Cloudroom. Die Behauptungen darin: jeder Agent bekomme eine eigene isolierte Wolken-VM, man sei die weltweit erste KI-Coding-Software mit Cloud-Agenten schon im Gratis-Tarif, und alles sei vollständig offen. Der Vortragende ist der Gründer selbst, das Video ist damit Verkäuferware. Genau deshalb haben wir am 14.10.2026 gegen 18:30 UTC Repo, Lizenzdatei, Website, Preisseite und Security-Seite selbst gemessen. Ausgeführt haben wir nichts.

Was das Repo sagt

Der Kern (cloudroom-core) ist am 17.09.2026 angelegt, die Desktop-App (cloudroom-gui) am 19.09.2026, beide mit rund vier Wochen Bauzeit, gemessen am 14.10. Die Lizenzdatei enthält den vollen Apache-2.0-Text, 11.357 Bytes, kein Badge-Trick: Die API meldet Apache-2.0 für beide Repos, im GUI liegt zusätzlich eine NOTICE mit dem MIT-Hinweis des Vorprojekts. Die Rust-Quote aus dem Video („78 Prozent") stimmt fast auf die Nachkommastelle: 921.718 von 1.181.706 erfassten Bytes sind Rust, das sind 78,0 Prozent.

Der Release-Takt ist schnell: am 13.10. drei Ausgaben, am Morgen des 14.10. um 04:22 UTC core-v0.1.57. Die andere Seite des Tempos: In der Contributor-Liste beider Repos steht genau eine Person, der Gründer. Das Kern-Repo zählte am 14.10. 42 Commits, das GUI-Repo 48; am 19.10. sind es 50 und 55. Das Issue-Tracker-Konto des Kerns meldete am 14.10. einen einzigen offenen Punkt, eine Feature-Idee eines Fremdnutzers; am 19.10. stehen dort zwei offene. Inzwischen beobachten neun Abonnenten den Kern; das GUI-Repo hatte am 14.10. null.

Auch das Autorkonto sieht man sich an: Es besteht seit April 2023, das Profil listet 28 öffentliche Repos, nicht wenige davon an einem einzigen Tag angelegt und nie wieder angefasst. Die beiden Cloudroom-Repos werden dagegen bis in die Fruehe des 14.10. gepusht, was sie vom ueblichen Dump unterscheidet. Der Reifegrad steht derweil im eigenen README: „This is pre-release software."

Sterne gegen Watcher

Aufmerksamkeit und Betrieb, eigene Messung vom 19.10.2026GitHub-Sterne (Kern)898 · 898Forks (Kern)193 · 193Release-Tags42 · 42Watcher (Abo)9 · 9Autoren1 · 10950
Sterne und Forks sind Momentaufnahmen: am 14.10., kurz nach dem Video, standen sie bei 524 und 96, am 19.10. bei 898 und 193. Watcher sind die Personen mit Abonnement auf Aktualisierungen, Autor ist die Zahl der Menschen mit Commits. (Quelle: GitHub-API, eigene Messungen 14.10. und 19.10.2026)

Das Video nannte zur Aufnahmezeit 320 Sterne, am 14.10. zählten wir 524, am 19.10. nachgemessen sind es 898. Zwischen Werbung und Nutzung liegen bei einem frisch gestarteten Projekt Welten; die Watcher-Zahl ist die einzige dieser Spalten, die auch zwei Wochen nach dem Rauschen noch etwas sagt.

Das README ist ehrlicher als das Video

Der offene Kern ist ein Rust-Dienst auf dem eigenen Linux-Rechner: Ubuntu-24.04-Setup mit einem Skript, PostgreSQL für die Chat-Geschichte, Tailscale für den Zugriff von unterwegs, die API horcht standardmäßig nur auf localhost und verlangt ein 256-Bit-Geheimnis. Agenten laufen als eigener Linux-Benutzer ohne sudo, und sie lesen weder Token noch Datenbankpasswort des Kerns.

Dazu steht im README ein Satz, den das Video nicht zeigt: „Agents run without approval prompts, so give each trusted user their own machine." Selbst gehostet heißt also: Isolation über Betriebssystem-Benutzer auf einer Maschine, die für eine vertrauenswürdige Person gedacht ist. Die beworbene VM pro Agent ist Architektur des gehosteten Produkts. Wer den Kern allein hostet, bekommt eine Freigabe ohne Tenancy: Ein Skript richtet Ubuntu ein, zwei SQL-Dateien legt man selbst an, denn der Kern führt seine Datenbank-Änderungen nie selbst aus. Unterstützte Harnesses nennt die Site in zwei Mengen: lokal neun (Claude Code, Codex, Pi, Cursor, OpenCode, Grok, fx, Hermes, Devin), in der Wolke sechs.

Preisseite, Security-Seite, eine Leerstelle

Gratis ($0) heißt 100 Cloud-Agenten pro 30 Tage, 25 Stunden Wolken-Rechenzeit, 60 Tage Aufbewahrung, lokal unbegrenzt und mit Einlass-Queue. Nachgerechnet sind das rund 15 Minuten Rechenzeit pro Agent, was die Frage offen lässt, wie lange ein richtiger Auftrag dort wirklich atmen darf. Pro kostet 50 Dollar im Monat (1.000 Agenten, 300+ Stunden, 2x stärkere Sandboxes, ein Jahr Aufbewahrung), Ultra 500 Dollar (10.000 Agenten, fünf Jahre Aufbewahrung), Enterprise kommt später. Alle Preise verstehen sich laut Seite inklusive Steuer.

Die Security-Seite ist ungewöhnlich offen: Sie listet die Maßnahmen (Sandboxes nie geteilt, Token nur für die eigene Sandbox, Anbindung an die Modell-Anbieter direkt ohne Cloudroom dazwischen, Geheimnis-Eingabe über ein Formular ohne Chat-Spur, Command Guard gegen einige Katastrophenbefehle), und sie listet, was selten ist, eine Rubrik „Know the limits". Dort stehen drei Sätze, die man vor jedem Einsatz kennen muss: Agenten laufen ohne Freigabenachfragen mit Administratorrechten in ihrer Sandbox und können dort auch die abgelegten Schlüssel lesen. Subagenten teilen sich die Sandbox des Leitfadens. Und mit Mac-Zugriff eingeschaltet kann ein Wolken-Agent „run commands on your Mac as you".

Die Leerstelle daneben ist größer als die Liste: Auf Start-, Preis-, Security- und Dokumentationsseite steht nirgends, in welchem Rechenzentrum oder Land die gehosteten Sandboxes laufen. Für Firmen mit Datenhaltungspflicht ist das der erste Prüfpunkt, und er bleibt unbeantwortet.

Was wir nicht messen konnten

Das Video demonstriert Größen, die wir von außen nicht sehen: 38 parallele Agenten, 201 offene Threads, hundert Subagenten aus einem Prompt, dazu eine Empfehlungsquote von 11 bis 15 Prozent. Das sind Anbieteraussagen am Launch-Tag; wir glauben sie nicht und wir zweifeln sie nicht an, wir halten nur fest, dass es dafür noch keine unabhängige Spur gibt. Eine einzige Nachfrage konnten wir aber klären: Der Gratis-Tarif liegt laut Preisseite in einer Einlass-Queue, beide Bezahlpläne geben sofortigen Zugang, und im Video kündigt der Gründer den Einlass „in Wellen" an, abhängig von der Kapazität. Wer für einen Termin plant, plant gegen diese drei Sätze.

Im Rande: Die Dokumentation jeder Seite liegt zusätzlich als Plain Markdown vor, samt llms.txt. Für Firmen, die selbst Assistenten bauen oder Inhalte für Assistenten schreiben, ist das der stilistisch beste Eintrag dieser Recherche; gemessen beim Crawlen der Dokumentationsseite.

Der Superlativ im Titel

Die OpenAI-Doku zu Codex Cloud schreibt seit Längerem pro Aufgabe: „Each task has its own workspace." Isolierte Wolken-Arbeitsbereiche pro Agent oder Auftrag sind also nicht neu, nur eben geschlossen und mit nur einem eigenen Harness. Was Cloudroom tatsächlich neu macht, ist die Kombination: offener, selbst hostbarer Kern, Harness und Modellanbieter frei gewählt über die eigenen Abos und ein hosted Gratis-Tarif dazu. Die Behauptung des Videos ist Marketing des Gründers. Und auch das Fundament gehört nicht ihm: Das GUI ist, Zitat README, „Built on BB", das MIT-Projekt get-bb/bb mit 4.464 Sternen, 629 offenen Issues (gelesen am 19.10.2026) und 47 MB TypeScript.

Was das für uns heißt

Wir lassen unsere Agenten in eigener Laufzeit auf eigener Hardware arbeiten, mit eigenem Harness und eigenen Wissensspeichern; der Kern überschneidet sich mit dem, was wir schon betreiben, und wäre als Ersatz zu klein. Dazu kommt das Fundament: Unter dem GUI sitzen die 629 offenen Issues von BB (Stand 19.10.), jedes Upgrade des Vorprojekts wirkt aufs eigene Werkzeug. Die gehostete Variante heißt Quellen und Abo-Logins eines Fremd-Startup anvertrauen, dessen Speicherort er nicht benennt; das ist bei uns eine Richtlinie und Sache der Geschäftsleitung. Bleibt der Wert dieser Veröffentlichung: eine sauber dokumentierte Security-Seite mit ehrlichen Grenzen, ein README, das die Grenzen der Selbsthost-Isolation selbst benennt, und ein Muster dafür, wie man Gründer-Videos messbar macht. Behalten wir als Beobachtungsfall, in vier Wochen sieht man mehr.

Weiterführende Quellen

Fragen?
Ist Cloudroom wirklich der erste Anbieter isolierter Agenten-Sandboxes?+

Nein, in der allgemeinen Form nicht. Die OpenAI-Doku zu Codex Cloud schreibt seit Längerem pro Aufgabe ausdrücklich, dass jede Aufgabe ihren eigenen Arbeitsbereich hat. Neu an Cloudroom ist die Kombination: ein offener, selbst hostbarer Kern, freie Harness-Wahl mit eigenen Modell-Abos und dazu ein hosted freier Tarif. Das ist ein Unterschied, und er trägt den Superlativ des Videos nicht.

Können wir die Software als Firma einsetzen?+

In der gehosteten Variante wandern Quellcode und die Logins der Modell-Abos zu einem Anbieter, dessen Rechenzentrum auf keiner der Seiten genannt wird. Das ist eine Richtlinienentscheidung, keine Technik-Frage, und für uns derzeit nein. Der Kern ist selbst hostbar (Rust, PostgreSQL, Ubuntu-Setup), überschneidet sich bei uns aber mit der eigenen Laufzeit. Wir beobachten das Projekt, übernehmen es aber nicht.

Wie reif ist das Projekt?+

Der Kern ist vier Wochen alt, meldete sich am 14.10. als core-v0.1.57 mit 42 Commits und genau einem Autor; am 19.10. nachgemessen sind es 50 Commits, 42 Release-Tags und neun Abonnenten. Die GUI steht inzwischen bei 55 Commits. Das Fundament BB bringt dagegen 4.464 Sterne und 629 offene Issues mit. Bei vier Wochen Bauzeit ist ein Bus-Faktor von eins der Stand.