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KI & Entwicklung
KI & Entwicklung2026-10-04· Von Franz Senn

Claude steuert FreeCAD per MCP: was der CAD-Agent baut und was nicht

CAD per Sprachbefehl ist eine der Agenten-Anwendungen, die im Maschinen- und Metallbau direkt ansetzen. Das Video „I Connected Claude AI to FreeCAD (And It Models Parts Like an Engineer)" des Kanals Make Form zeigt seit 15. Juli 2026 in gut 20 Minuten, wie Claude Desktop über das Model Context Protocol (MCP) Teile in FreeCAD modelliert. Am 4. Oktober 2026 zählte das Video rund 283 000 Aufrufe. Für den Betrieb in Werkstatt und Konstruktion zählt mehr als die Show: Was passiert im Hintergrund, wie empfindlich ist die Brücke, und welche Teile darf man überhaupt hineingeben?

Claude Desktop steuert FreeCAD über zwei BrückenköpfePromptMaße, Skizze, WunschClaude DesktopClaude plant die SchritteMCP-Serveruvx freecad-mcpFreeCAD-Add-onRPC-Server auf Port 9875FreeCADPython-API baut das TeilScreenshotViewport zurück ins Modell
Der Rückweg über den Screenshot ist der eigentliche Mechanismus: Claude sieht das Gebaute und korrigiert im nächsten Schritt. Die Doku führt die Bildrückgabe als optionalen Posten, der Tokens kostet. (Quelle: neka-nat/freecad-mcp, README und docs/configuration.md)

Wie die Brücke wirklich funktioniert

Der Video-Titel suggeriert eine Claude-Funktion. Gebaut hat das niemand bei Anthropic, sondern ein Einzelprojekt: das Repository freecad-mcp von neka-nat, am 4. Oktober 2026 mit 2 654 Sternen, MIT-Lizenz und letzter Änderung am 24. September 2026. Es besteht aus zwei Stücken, die über eine schlichte XML-RPC-Verbindung reden.

Das erste Stück ist ein Add-on, das in FreeCAD läuft: in den Addon-Ordner kopieren (unter Windows bei FreeCAD 1.1 nach %APPDATA%\FreeCAD\v1-1\Mod\), FreeCAD neu starten, im MCP-Workbench „Start RPC Server" klicken. Dann lauscht ein RPC-Server auf Port 9875. Das zweite Stück ist der MCP-Server selbst, ein PyPI-Paket (Stand 4. Oktober 2026: Version 0.1.25, Python ab 3.12), das Claude Desktop über uvx startet. Die Anmeldung in Claude Desktops Konfigurationsdatei claude_desktop_config.json ist ein JSON-Block mit uvx freecad-mcp als Befehl, mehr nicht. Das Video führt den Weg unter Windows vor, FreeCAD 1.1.4 erschien am 28. September 2026.

Der eigentliche Mechanismus sitzt im Rückkanal. Nach jeder Ausführung schickt FreeCAD einen Screenshot des Viewports zurück, Claude analysiert das Bild und sendet den nächsten Befehl. Dieser Loop aus Prompt, Ausführung, Bild, Korrektur unterscheidet das Verfahren von makrogesteuertem CAD.

Was die Vorführung belegt

Die gezeigten Teile sind einfach, die Art der Interaktion nicht. Ein Quader mit 50 × 30 × 20 mm entsteht auf Zuruf. Bei „Fillet all edges" ohne Maßangabe fragt Claude nach und empfiehlt, den Radius unter 10 mm zu halten, um Geometriefehler zu vermeiden; mit gewählten 2 mm verrundet es sauber über alle zwölf Kanten. Bei „Make four holes on top" ergänzt Claude die fehlenden Maße per Rückfrage (4 mm Durchmesser, durchgehend) und entscheidet die Platzierung selbst: 10 mm bzw. 8 mm Einzug von den Kanten, damit die Verrundungen frei bleiben. Das ist Maßwahl mit Begründung, kein Raten.

Interessanter sind die beiden Fälle weiter hinten. Eine handgezeichnete Skizze eines Stufenteils mit drei Ansichten und Maßen wird laut Video in rund 20 Sekunden zum 3D-Teil, das Nachmessen mit dem FreeCAD-Messwerkzeug bestätigt die Maße. Und als Claude ein Zahnrad bauen soll (20 Zähne, Modul 2, 20 mm Zahnbreite, 10 mm Bohrung), merkt es, dass das Zahnräder-Workbench fehlt, und konstruiert das Involutenzahnrad aus Grundgeometrie und eigener Rechnung. Beides sind Demonstrationen von urteilsfähigem Verhalten, beobachtet in einem Video und nicht in einer Prüfliste. Das muss man fairerweise dazusagen.

Ein dritter Befund taugt als Warnung: Auf die Aufforderung „close all the documents" schließt Claude alle offenen Dokumente, ohne nachzufragen. Der Hinweis, dass ungespeicherte Arbeit verloren ging, kommt erst hinterher. CAD-Agenten gehören in dieselbe Risikoklasse wie jeder produktive Agent mit Schreibrechten: Er führt aus, bevor er Bedenken anmeldet.

Sicherheit der RPC-Brücke

Die Projektdoku ist an dieser Stelle ehrlicher als das Video. Zitat: „Any program that can reach the port from an allowed address can call every tool, including execute_code, which runs arbitrary Python inside FreeCAD with your user's permissions." Standardmäßig lauscht der RPC-Server nur auf localhost, Remote-Verbindungen sind ausgeschaltet, Browser-Anfragen werden grundsätzlich abgewiesen. Wer die Brücke trotzdem öffnet, bindet an alle Netzinterfaces und pflegt eine Freigabeliste für IPs. Für diesen Fall schreibt die Doku ein Auth-Token vor, möglichst enge Adressfreigaben oder einen SSH-Tunnel.

Für den Betrieb heißt das: Der Rechner, auf dem Claude mit FreeCAD arbeiten darf, ist ein Rechner, auf dem ein Sprachmodell beliebigen Python-Code mit den Rechten des angemeldeten Benutzers ausführen kann. Er bekommt damit dieselbe Behandlung wie jeder MCP-Server, den wir selbst schreiben: Least Privilege, eigenes Gerät oder eigene VM, klare Zuordnung, welche Daten dort liegen dürfen. Wie wir das für Infrastruktur-Agenten absichern und was eigene MCP-Server überhaupt bringen, steht in zwei früheren Beiträgen.

Tokenkosten: Der Screenshot ist der Preis

Der Bildrückkanal kostet. Jeder Arbeitsschritt liefert Claude ein Bild, und Bilder zählen als Tokens. Die Doku nennt für lange Sitzungen den Schalter --only-text-feedback, der Screenshots weglässt und nur Objektname, Maße und Fehlermeldungen zurückgibt. Der Autor des Videos empfiehlt Einsteigern trotzdem den Bildmodus, weil Claude ohne Bild nicht mehr sieht, ob das Teil steht. Wer regelmäßig damit arbeitet, dreht den Bildmodus für Kontrollschritte an und lässt ihn sonst aus.

Was daraus für die Konstruktion folgt

Die Vorführung zeigt Einzelteile: Quader, Flansch, Zahnrad, Stufenteil. Sie zeigt keine Baugruppe, keine Zeichnungsableitung mit Toleranzen, keine Normteil-Anbindung. Über das Add-on lassen sich laut Projektbeschreibung auch FEM-Rechnungen starten; Verantwortung für Festigkeit und Fertigungszeichen bleibt trotzdem beim Menschen. Wer eine Welle mit Passung oder einen Schweißrahmen mit Prüfzeichen braucht, bekommt vom Agenten ein Modell, keine Freigabe.

Wo der Ansatz heute schon hinfasst, sind die Teile, an denen Konstruktionszeit unnötig hängt: Schutzbleche, Abdeckungen, Halter, Lehrdorne, Vorrichtungen. Alles, was man nicht dreimal detailliert zeichnen will und das in der Werkstatt trotzdem täglich anfällt. In Betrieben, die von der Skizze ins DXF für den Brennzuschnitt arbeiten, ist genau das die Nische der Vorführung: Skizze fotografieren, Teil bauen, Kontur exportieren. Die Maße gelten dabei nur so weit, wie das Modell sie richtig gelesen hat. Nachgemessen wird weiterhin jedes Teil, und die Datenfrage ist vor dem ersten Prompt geklärt. Denn die Geometrie verlässt mit jedem Prompt das Haus Richtung Claude-Cloud. Mit kundengebundenen Konstruktionen probiert man das nur mit Freigabe, oder mit einem lokalen Modell über dieselbe MCP-Schnittstelle.

Die Brücke bleibt ein Community-Projekt, kein Produkt. Sie hängt an FreeCads Python-API und daran, dass Claude Desktop lokale MCP-Server startet. Für die einmalige Vorführung ist das egal. Für einen Workflow, der Konstruktionszeichnungen erzeugen soll, wäre es eine Abhängigkeit von einem einzelnen Maintainer, und so etwas baut man nicht ohne Ausstiegsszenario ein.

Weiterführende Quellen

Fragen?
Kostet die Einrichtung von Claude und FreeCAD über MCP Geld?+

Die Software ist frei: FreeCAD steht unter LGPL 2.1, der MCP-Server freecad-mcp unter MIT-Lizenz, uv ebenfalls. Ein Claude-Konto brauchen Sie für das Desktop-Programm trotzdem. Die laufenden Kosten hängen an den Tokens, denn Claude bekommt bei jedem Arbeitsschritt einen Screenshot des FreeCAD-Fensters zurück. Die Projekt-Doku nennt mit --only-text-feedback einen Schalter, der die Bilder weglässt und die Tokens pro Operation spürbar senkt.

Ersetzt der Agent den Konstrukteur?+

Nein. Die Vorführung zeigt Einzelteile ohne Baugruppe, ohne Zeichnungsableitung und ohne Toleranzpflege: Quader, Flansch, Zahnrad, ein Stufenteil aus einer Handskizze. Die Rückfragen des Agenten nach Verrundungsradius und Lochdurchmesser zeigen ingenieurhaftes Verhalten bei der Maßwahl, die Verantwortung für Werkstoff, Festigkeit und Fertigungszeichen bleibt aber beim Menschen. Brauchbar ist der Agent heute für Hilfsmittel, Vorrichtungen und Abdeckungen, also dort, wo Konstruktionszeit an Teilen hängt, die niemand gern im Detail auszeichnet.

Welche Daten verlassen bei diesem Setup das Haus?+

Alles, was Sie in den Chat schreiben, samt Maßzahlen und Skizzen, geht zum Claude-Dienst in die Cloud. Zusätzlich sendet FreeCAD im Standardmodus bei jeder Operation einen Screenshot des Viewports an dasselbe Modell. Die lokale Brücke selbst bleibt standardmäßig dicht: Der RPC-Server lauscht nur auf localhost, Remote-Zugriff ist ein bewusster Schalter mit IP-Freigabeliste. Konstruktionsdaten mit Geheimhaltungsanspruch gehören deshalb nicht in dieses Experiment.